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Gesellschaftsspiegel
Sunshine Valley

 VON Reiner Kapeller    kommentieren        

Ein Groß der Computerspiele beruft sich auf aus der Popkultur bekannte Mythen und auf die eigene interaktive Welt. “Die Sims 3″ versucht wie die Vorgänger den Brückenschlag zur Realität. Das verlockt zu Experimenten wie “Alice und Kev”, Robin Burkinshaws Geschichte einer Obdachlosenfamilie.

Alice

Die mit mehr als 100 Millionen verkauften Kopien erfolgreichste Computerspiel-Reihe aller Zeiten behandelt keine Alien-Invasion oder Abenteuergeschichten: “Die Sims” bezieht sich schlicht auf (zwischenmenschliche) Probleme des Alltags. Unter geschützter Atmosphäre werden diese auf dem Bildschirm simuliert und seziert. Manch einer nutzt dies für Experimente die im Real Life für Skrupel sorgen würden – und doch enden nicht alle letal und makaber. Technisch wartet die dritte Auflage mit überarbeiteter Grafik und einem komplett frei begehbaren Areal auf. Spielerisch sorgt die gesteigerte soziale Interaktion für noch mehr Möglichkeiten.

Die Sozialstudie Sim

Den Schritt weg vom Spielerlebnis dokumentiert Robin Burkinshaw auf seinem Blog „Alice and Kev – The story Of being homeless in The Sims 3“. Darin führt der Student für „Computer Gaming and Animation Technology“ Tagebuch über das Leben zweier obdachloser Sims. Die junge Alice geht zur Schule – hauptsächlich um in der Kantine ihren Hunger zu stillen.

Im täglichen Überlebenskampf knüpft sie mit Mitschülerinnen Kontakte um Bedürfnisse wie Essen, Körperpflege oder Schlaf zu stillen. Schamgefühl umgibt das Mädchen dabei zu jeder Zeit. Ihr Vater Kev ist irre und Kinderhasser, Alice eine warmherzige Person mit geringer Selbstachtung. Konfrontationen mit ihrem aggressiven Vater gehören für das Mädchen zum Alltag. Mit fortlaufender Spielzeit durchschreitet Alice den zweiten von sechs Lebensabschnitten.

Als „Teenager“ erfährt sie eine veränderte Wahrnehmung in der Gesellschaft. Die Familie Joy, die Alice früher oft Platz in ihrem Bett gewährte, verweigert ihr ab sofort den Zugang. Schwerenöter Kev ignoriert die Anliegen seiner Tochter, dennoch lässt sich ein Anflug von Mitgefühl in seinem Verhalten ausmachen: Als Alice nachts aufgegriffen und von der Polizei heimgebracht wird, beginnt er erstmals seiner Tochter zuzuhören. Zumindest für den Abend findet sich die Familie.

Alice and Kev

Burkinshaw schafft für seine Protagonisten Rahmenbedingungen und versucht dennoch nur selten in das Geschehen einzugreifen. Die meisten seiner Geschichten entstehen in den Momenten, in denen er seine Sims nicht direkt per Maus steuert, sondern sie ihrem freien Willen und ihrem Charakter – (also den Handlungsroutinen des Spiels) – überlässt.

Jeder Sim besitzt fünf zu Beginn des Spiels festgelegte Charaktereigenschaften, die sein Handeln fortan färben. Mit einem Minimum an Betroffenheit fasst Burkinshaw die Erlebnisse seiner Sims in bebilderte Geschichten. Trotz dieser stilistischen Zurückhaltung, lässt sich zwischen den Zeilen viel über den Umgang mit sozial Benachteiligten in der Gesellschaft erfahren.

Teddy

Denn auch wenn so manche Interaktion im Spiel nicht immer nachvollziehbar bleibt und die Künstliche Intelligenz der Sims teils wirre Aktionen zu Tage fördert, ist eine Erkenntnis bald klar: So abgehoben und unfreiwillig komisch die Geschichten zeitweise erscheinen, in ihrem Grundtenor entsprechen sie genau den Erfahrungen, die Obdachlose Tag für Tag in ihrem Leben durchmachen und an denen sie mitunter zerbrechen: Ausgrenzung, Benachteiligung, das Gefühl ein minderwertiger Teil der Gesellschaft zu sein.

In diesem Punkt unterscheidet sich „Alice and Kev“ von vielen anderen Sims-Experimenten. Burkinshaw ist es kein Anliegen eine Seifenoper einer ausgegrenzten Menschengruppe aufzuführen und sich daran zu belustigen. Vielmehr schafft er einen gekonnten Fingerzeig auf den gesellschaftlichen Umgang mit einer Randgruppe. Unter dem Punkt „Donate to charity“ listet Burkinshaw auf seinem Blog karitative Einrichtungen:

„If you’ve found this tale of homelessness affecting, you might be interested in helping some of the real people struggling like this in the world.“

Dieser Artikel ist auch im aktuellen thegap-Magazin 098 erschienen.

Text: Reiner Kapeller
Bilder: Robin Burkinshaw

Noch ein (makaberes) Sim-Experiment
Sims 3-Test




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Sunshine Valley"

Ein Denkfabrikat von Reiner Kapeller.
Veröffentlicht am 27. August 2009 um 17:00 Uhr,
abgelegt unter Computer

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